Gibt der Kleidungsstil Auskunft über den Alkoholkonsum?
Abendstimmung und Feierabendzeit an einem Großstadtbahnhof. Ein Zug trifft ein und die Fahrgäste eilen hastig zu den Ausgängen. In einer Ecke der Bahnhofshalle steht lautstark eine Gruppe schmuddeliger Gestalten mit Schnaps- und Bierflaschen in den Händen. Zerschlissene, schmutzige Kleidungsstücke sind zu sehen. Die Gesichter in der Gruppe sind unrasiert, die Haare fettig und verfilzt. Die Szene wirkt unheimlich und bedrohlich.
Etwa zehn Meter vor der Gruppe liegt ein Mann auf dem Boden. Er ist blutüberströmt, seine Hose ist zerrissen. Einer der beiden Schuhe von Puma ist ihm von seinem Fuß gerutscht und liegt auf dem Boden herum. Der Mann spricht, lallt und ist nicht zu verstehen. Alle eilen an ihm vorüber. Niemand beachtet ihn und nimmt sich seiner an.
Am folgenden Tag findet sich in der Tageszeitung folgende Meldung: "Hilfe versagt - Familienvater nach Schlaganfall am Bahnhof verstorben". Was ist passiert?
Niemand wollte helfen. Offensichtlich waren alle im Bahnhof der Auffassung, dass der auf dem Boden liegende Mann mit der zerschlissenen Kleidung zu der Gruppe betrunkener Menschen hinter ihm gehören müsse. Und vielleicht ging manch einem Passanten der Gedanke durch den Kopf: "Wenn die schon Trinken müssen, dann müssen sie auch mit den Folgen leben und sich selbst helfen!". Irgendwelche äußerlichen Merkmale haben dazu geführt, dass dem eigentlich "redlichen" Familienvater eine Mitgliedschaft in der Gruppe der Trinkenden zugeschrieben wurde.
Zeig mir Deine Schuhe und ich sag Dir wer Du bist
Sprichwörter haben oftmals einen gewissen Anspruch auf Wahrheit. Kann man jedoch wie im vorliegenden Fall tatsächlich von den Schuhen oder allgemein aus dem Kleidungsstil einer Person Rückschlüsse auf deren Alkoholkonsum ziehen?
Immer wieder wollen uns Zeitungsmeldungen und wissenschaftliche Veröffentlichungen Glauben machen, dass Bildung, Kleidungsstil, Ernährungsweisen und Alkoholkonsum in irgendeiner Art und Weise miteinander in Verbindung stehen. Auch die Überschrift dieses Absatzes "Zeig mir Deine ..." verfährt nach diesem Schema, deutet sie doch an, dass Schuhwerk und soziale Stellung eines Menschen miteinander irgendwie zusammenhängen. Doch auch wenn Sprichwörter einen gewissen Wahrheitsanteil haben, kann man tatsächlich unhinterfragt vom Kleidungsstil einer Person auf deren Alkoholkonsum schließen?
Hinter allen Mutmaßungen über die vermeintlichen Zusammenhänge einzelner Faktoren verbirgt sich etwas, das in den Sozialwissenschaften als "Stereotype" bezeichnet wird. Stereotype dienen den Menschen dazu, um sich je individuell verschiedene Vorstellungen über bestimmte Personengruppen zu bilden, denen man sich dann selbst zurechnen bzw. von denen man sich abgrenzen kann.
Über äußere Merkmale ausgelöste Stereotypien - etwa durch Haarschnitt, Kleidung, Geruch oder Auftreten - dienen den Menschen meist unterbewusst als Hinweise auf das zu erwartende Verhalten des Gegenübers. Sind besondere Merkmale erst einmal negativ besetzt, dann ist die Rede von Vorurteilen. Geht man beispielsweise davon aus, dass der Träger einer Hose aus dem s. Oliver Shop mehr Geld verdient als der Träger einer ausgewaschenen Jeans aus dem Second-Hand-Laden, so ist genau diese Annahme ein Vorurteil, ein Stereotyp.
Gegenteile widerlegen jedoch immer wieder derartige Vorurteile. So gibt es Geistliche die sich an Kinder und Jugendlichen vergehen und aus mutmaßlich Steine werfende Demonstranten werden später Bundesminister. Vermeintlich gewalttätige Jugendliche führen klassische Theaterstücke auf und der Trinker am Bahnhof ist in Wirklichkeit gar keiner. Er ist nur gestürzt und kann nicht klar sprechen, weil er einen Schlaganfall hatte.
Der Schein trügt offensichtlich
Schlussendlich lässt sich folgern, dass der Kleidungsstil, die Schuhe für Sie und Ihn und andere äußere Merkmale keinen verbindlichen Aufschluss über den Alkoholkonsum oder andere Eigenschaften einer Person geben können. Lediglich bestimmte Vorurteile und Klischees in den Köpfen der Menschen lassen derartige Zusammenhänge entstehen. Wir alle sind ganz offensichtlich gut beraten, wenn wir unsere eigenen Stereotypen und Vorurteile kritisch hinterfragen. Hierdurch wären teils tragische Missverständnisse - wie beispielhaft eingangs beschreiben - vermeidbar und wir alle würden einander vielleicht mit ein wenig mehr Offenheit begegnen können.